Logopädische Beschreibung – F80.1 Expressive Sprachstörung
F80.1 beschreibt eine expressive Sprachentwicklungsstörung (SES), bei der die aktive Sprachproduktion beeinträchtigt ist, während das Sprachverständnis relativ altersgemäß entwickelt ist. Betroffen sind typischerweise Wortschatz (eingeschränkter aktiver Wortschatz, Wortfindungsprobleme), Grammatik (Dysgrammatismus: fehlerhafte Satzbildung, Auslassung von Artikeln/Präpositionen, Fehler in der Verbstellung und Subjekt-Verb-Kongruenz) und häufig auch die Erzählfähigkeit. In der logopädischen Praxis ist F80.1 einer der häufigsten Verordnungscodes und repräsentiert das Kernbild der Sprachentwicklungsstörung mit Schwerpunkt auf der expressiven Seite. Differentialdiagnostisch ist die Abgrenzung zur rezeptiven Sprachstörung (F80.2) wichtig, da bei F80.2 zusätzlich das Sprachverständnis betroffen ist.
Typische Störungsbilder – F80.1 Expressive Sprachstörung
Weniger Wörter als Gleichaltrige, Wortfindungsprobleme, häufige Ersetzungen durch unspezifische Wörter ('Ding', 'machen').
Fehlerhafter Satzbau, Auslassung von Funktionswörtern, falsche Verbformen, fehlerhafte Kasus-Markierung.
Schwierigkeiten, Erlebnisse oder Geschichten zusammenhängend und verständlich zu erzählen.
Ihr Kind versteht Sprache gut, aber tut sich schwer damit, selbst zu sprechen. Vielleicht kennt es weniger Wörter als andere Kinder, bildet kürzere oder fehlerhafte Sätze, oder findet oft nicht das richtige Wort. Das liegt nicht an mangelnder Intelligenz, sondern daran, dass die Sprachentwicklung verzögert verläuft. Logopädie unterstützt Ihr Kind gezielt beim Aufbau von Wortschatz und Grammatik – spielerisch und kindgerecht.
Logopädische Relevanz – F80.1 Expressive Sprachstörung
| Häufigkeit | sehr hoch |
|---|---|
| Patient*innengruppe | Kinder zwischen 3 und 8 Jahren. Jungen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. |
| Bedeutung | Expressive Sprachentwicklungsstörungen machen einen großen Anteil der logopädischen Behandlungen im Kindesalter aus. |
Zugeordnete Diagnosegruppen – F80.1 Expressive Sprachstörung
SP1b (häufiger, da Dysgrammatismus + Wortschatzdefizit meist mindestens mittelgradig)
Wenn ein Kind deutlich weniger Wörter aktiv nutzt als Gleichaltrige und/oder grammatisch auffällige Sätze bildet.
Expressive Sprachstörung bei Kindern vor Abschluss der Sprachentwicklung. SP1b bei mittel- bis schwergradiger Ausprägung, SP1a bei leichter.
KBV Diagnoseliste 2026 S.16: F80.1 auch mit SP2 gelistet.
Verordnung & Praxistipps – F80.1 Expressive Sprachstörung
Typische Erstverordnung – F80.1 Expressive Sprachstörung
| Diagnosegruppe | SP1 |
|---|---|
| Leitsymptomatik | SP1b |
| Behandlungseinheiten | 10 |
| Frequenz | 1-2x wöchentlich |
| Therapiedauer | 45 Min. |
Häufige Verordnungsfehler – F80.1 Expressive Sprachstörung
- Verordnung mit SP1a statt SP1b trotz deutlichem Dysgrammatismus und Wortschatzdefizit
- Zu spät verordnet – viele Kinder kommen erst mit 5-6 Jahren, obwohl die Störung schon mit 3 Jahren auffiel
- Keine Folgeverordnung nach 10 Sitzungen, obwohl Therapie noch nicht abgeschlossen ist
Tipps für Ärzt*innen – F80.1 Expressive Sprachstörung
- F80.1 ist typischerweise SP1b. Bei schwerer Ausprägung ggf. dringliche Behandlungsbedürftigkeit ankreuzen, besonders wenn Einschulung bevorsteht. Denken Sie an eine Folgeverordnung – 10 Sitzungen reichen bei expressiver SES selten aus.
Tipps für Patient*innen & Angehörige – F80.1 Expressive Sprachstörung
- Wenn Ihr Kind mit 3 Jahren noch wenig spricht (unter 50 Wörter, keine Zweiwortäußerungen), lassen Sie es beim Kinderarzt abklären. Eine frühzeitige Logopädie verbessert die Chancen auf eine unauffällige Sprachentwicklung bis zur Einschulung erheblich.
Extrabudgetärer Status – F80.1 Expressive Sprachstörung
Die Logopädie bei expressiver Sprachstörung ist keine extrabudgetäre Verordnung. Der Kinderarzt verordnet Logopädie auf Rezept. Für Kinder unter 18 Jahren fallen keine Zuzahlungen an.
Therapieverlauf – F80.1 Expressive Sprachstörung
Therapiebeginn: Ab ca. 3 Jahren, bei Late Talkern ggf. schon ab 2,5 Jahren mit Elternanleitung
Setting: Ambulante Logopädie-Praxis
Therapieinhalte – F80.1 Expressive Sprachstörung
- Wortschatzaufbau: Semantische Felder erarbeiten, Wortabruf verbessern
- Grammatiktherapie: Zielstrukturen systematisch modellieren (z.B. Patholinguistischer Ansatz, Kontextoptimierung)
- Narrative Fähigkeiten: Erzählen üben mit Bildergeschichten, Erlebniserzählungen
- Elternanleitung: Sprachförderstrategien im Alltag (z.B. Modellierungstechniken)
- Bei Bedarf: Schriftsprachanbahnung im Vorschulalter
Diagnostik – F80.1 Expressive Sprachstörung
Erstdiagnostik – F80.1 Expressive Sprachstörung
| Test | Zweck | Zeitpunkt |
|---|---|---|
| SETK 3-5 (Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder) | Standardisierte Überprüfung von Sprachverständnis und Sprachproduktion | Erstbefund |
| PDSS (Patholinguistische Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen) | Differenzierte Prüfung aller Sprachebenen: Phonologie, Wortschatz, Grammatik, Pragmatik | Erstbefund |
| Spontansprachanalyse | Analyse von Wortschatz, MLU (mittlere Äußerungslänge), Grammatik und Erzählfähigkeit im freien Sprechen | Erstbefund |
Verlaufsdiagnostik – F80.1 Expressive Sprachstörung
| Test | Zweck | Zeitpunkt |
|---|---|---|
| Erneute Spontansprachanalyse / Testwiederholung | Dokumentation des Therapiefortschritts auf Wort- und Grammatikebene | Alle 10-20 Sitzungen oder zum Therapiebericht |
Red Flags – F80.1 Expressive Sprachstörung
Late Talker haben ein erhöhtes Risiko für eine persistierende Sprachstörung. Frühe Elternanleitung kann vorbeugen.
Dann liegt möglicherweise keine rein expressive, sondern eine rezeptive Sprachstörung (F80.2) vor. Die Therapie muss anders ansetzen.
Dysgrammatismus und eingeschränkter Wortschatz bei Schulbeginn erhöhen das Risiko für LRS erheblich. Intensive Therapie vor Einschulung empfohlen.
Prognose – F80.1 Expressive Sprachstörung
Bei frühzeitigem Therapiebeginn und konsequenter Behandlung können viele Kinder bis zur Einschulung eine weitgehend unauffällige Sprachproduktion erreichen. Bei schweren Formen können leichte Restsymptome (Wortfindungsprobleme, leichte grammatische Unsicherheiten) bestehen bleiben.
Einflussfaktoren – F80.1 Expressive Sprachstörung
- Schweregrad der expressiven Störung
- Alter bei Therapiebeginn
- Beteiligung des Sprachverständnisses (F80.2 hat ungünstigere Prognose als F80.1)
- Mehrsprachigkeit (beeinflusst nicht die Prognose, aber die Diagnostik)
- Elternmitarbeit und sprachliches Umfeld
- Komorbide Störungen (ADHS, Konzentration)
Verwandte Codes – F80.1 Expressive Sprachstörung
Gleiche Diagnosegruppe – F80.1 Expressive Sprachstörung
Differentialdiagnosen – F80.1 Expressive Sprachstörung
Häufige Fragen – F80.1 Expressive Sprachstörung
Mein Kind spricht mit 3 Jahren noch kaum – muss ich mir Sorgen machen?
Wenn Ihr Kind mit 3 Jahren weniger als 50 Wörter aktiv nutzt oder keine Zweiwortsätze bildet, ist eine logopädische Abklärung sinnvoll. Das bedeutet nicht automatisch eine Diagnose, aber eine frühzeitige Einschätzung kann vorbeugen.
Wie unterscheidet sich F80.1 von F80.2 in der Logopädie?
Bei F80.1 versteht das Kind Sprache gut, hat aber Probleme bei der aktiven Sprachproduktion (Wortschatz, Grammatik). Bei F80.2 ist zusätzlich das Sprachverständnis betroffen – das ist schwerwiegender und erfordert eine andere therapeutische Herangehensweise.
Kann mein Kind trotz expressiver Sprachstörung normal eingeschult werden?
Viele Kinder mit F80.1 werden regulär eingeschult. Wichtig ist, dass die Logopädie vor der Einschulung möglichst viel aufholt. Der Kinderarzt und die Logopädin können gemeinsam einschätzen, ob eine reguläre Einschulung möglich ist.
Mein Kind ist mehrsprachig – kann das die Ursache sein?
Mehrsprachigkeit verursacht keine Sprachstörung. Mehrsprachige Kinder können aber eine SES haben, die dann alle Sprachen betrifft. Die logopädische Diagnostik berücksichtigt die Mehrsprachigkeit bei der Einschätzung.
Wie viele Logopädie-Sitzungen braucht mein Kind bei F80.1?
Das hängt vom Schweregrad ab. Bei einer expressiven Sprachstörung sind häufig mehrere Verordnungen à 10 Sitzungen nötig. Die Gesamtdauer liegt oft bei 6-18 Monaten, bei schweren Formen auch länger.